Wenn Arbeit nicht zum Leben reicht

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170.000 Menschen in Berlin fallen trotz ihrer Arbeit unter die Armutsgrenze, fast 100.000 müssen ihr Gehalt mit Hartz IV aufstocken. Wo und wie leben Berlins Working Poor? Womit lässt sich Einkommensarmut verhindern?

Wenn Otis Driester* ein Schreiben des Jobcenters sieht, will er nur noch schlafen. Ob ‚Erstausstattungszuschuss‘ oder ‚Bedarfsgemeinschaft‘, die Sprache des Amtes ermüdet. Seit einem Jahr bekommt er viel Post: Der 29-Jährige ist einer von momentan knapp 100.000 AufstockerInnen in Berlin. Obwohl Otis ein feste Stelle hat, erhält er Geld vom Jobcenter. Als Stagehand baut er Bühnen für Konzerte auf, schleppt Instrumente und Technik. Um die 55 Stunden arbeitet er im Monat, beim aktuellen Mindestlohn kommen so rund 500 Euro zusammen. Otis ist damit einer von vielen, die unter die Armutsgrenze fallen.

Wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt, gilt in Deutschland als arm. 2017 lebten allein in Berlin 683.425 Menschen an oder unter dieser Grenze – knapp ein Viertel von ihnen war arm trotz Arbeit. Auch Otis und seine Freundin Clara gehören dazu.


Während Clara noch studiert, hat Otis zehn Jahre als Musiker gearbeitet. Seit vor einem Jahr Sohn Malte geboren wurde, pausiert seine Künstlerkarriere. Was früher nur Nebenverdienst war, muss nun für drei reichen: Mit Otis‘ Gehalt als Stagehand und Claras Einkommen bei einer Onlineplattform verdienen sie weniger als 1.412 Euro, der für Kleinfamilien bemessenen Armutsschwelle.

Wenn Arbeit nicht zum Leben reicht, soll der Staat die Hand reichen. So sieht es das Sozialgesetzuch II vor. ‚Aufstocken‘ heißt es, wenn auch Arbeitende Hartz IV beziehen, um über die Runden zu kommen. Im Jahr 2017 betraf das 110.087 Beschäftigte in Berlin. Deutlich mehr Erwerbstätige verdienten im selben Jahr so wenig, dass sie als arm eingestuft wurden: insgesamt 174.362.

Wer kann aufstocken?
Grundsätzlich orientiert sich das Jobcenter am Hartz IV-Satz: Wer durch die Arbeit weniger verdient als die Grundsicherung, darf prinzipiell aufstocken. Darüber hinaus entscheiden aber auch andere Faktoren: Wie hoch ist die Miete? Was kosten Versicherungen? Wer muss noch von dem Einkommen leben, das es aufzustocken gilt? Aus einer einzigen Zahl, dem Nettogehalt, wird so eine komplexe Rechnung, bei der jeder Antrag einzeln geprüft werden muss. Nicht alle, die unter die Armutsgrenze fallen, dürfen automatisch aufstocken. Eine vereinfachte Beispielrechnung gibt es auf der Seite der Agentur für Arbeit.


Dass Otis heute zu den Aufstockern gehört, war eher Zufall. „Uns wäre es gar nicht eingefallen, aufzustocken“, erzählt seine Freundin Clara. Das ändert sich erst, als Malte unterwegs ist. Plötzlich brauchen sie ein Kinderbett und Strampler, Wickeltisch und Kinderwagen. Schließlich beantragt das Paar einen sogenannten Erstausstattungszuschuss beim Jobcenter. Letztlich ist es das Amt, das sie danach über ihren Anspruch auf Hartz IV informiert. Seitdem erhalten sie zwischen 90 und 270 Euro im Monat, je nach dem, wie viel beide arbeiten.

Bislang werden sie außerdem finanziell von ihren Eltern unterstützt. Ohne das Geld des Amtes müssten sie um mehr Geld bitten. Auch deswegen freut sich Clara über die Zahlungen vom Amt. Schwieriger ist es für Otis:

„Vor allem zu Beginn wollte ich diese Abhängigkeit vermeiden. Ich habe schon das Gefühl, man wird da sehr durchleuchtet.“

In ihrem direkten Umfeld kennen Clara und Otis nur ein einziges Paar, das auch aufstockt. Sie leben in Treptow-Köpenick, Aufstocken ist hier selten. Überhaupt gibt es in Ostberlin weniger AufstockerInnen als im Westen der Stadt. Die Statistiken zeigen, dass der Osten Berlins heute besser dasteht als der Westen. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung haben die Menschen dort häufiger eine Arbeit – die zudem seltener zu Armut führt.


Karl Brenke, Referent am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin, überraschen diese Zahlen nicht. Er ist Experte für Konjunkturanalysen und sieht die Situation heute als logische Konsequenz einer Entwicklung, die mit dem Mauerfall ihren Anfang nahm. Nach der Wiedervereinigung verloren nicht nur viele Beschäftigte in Ostberlin ihre Arbeit, sondern auch in Westberlin. Die Berlinförderung fiel weg und damit die finanzielle Unterstützung, die viele Betriebe im Westen während der Teilung am Leben hielt. Die Ostberliner ArbeiterInnen schafften es nach einer gewissen Zeit wieder zurück in den Arbeitsmarkt – weil die meisten von ihnen gelernte Fachkräfte waren. Schwieriger hatten es die WestberlinerInnen und besonders die Menschen mit Migrationshintergrund, die keine passende Berufsausbildung hatten. Während auf kurz oder lang Beschäftigte in Ost und West neue Anstellungen fanden, wurden die ArbeiterInnen aus dem Osten besser bezahlt, auf Grund ihrer Qualifikation.

Auf Bezirksebene lässt sich das ebenfalls erkennen: Verglichen mit der Gesamtzahl der Erwerbstätigen lebten die meisten AufstockerInnen in Neukölln, Reinickendorf und Mitte. Warum sich besonders diese Bezirke vom Gesamtdurchschnitt negativ abheben, lässt sich auch mit dem umgekehrten Gentrifizierungseffekt erklären: in Ortsteilen wie Wedding, Moabit, Kreuzberg und Neukölln ballten sich einkommensschwache Menschen mit schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt, da dort die Mieten billig waren und schon ein Milieu ansässig war, dem sie sich zugehörig fühlten.


Auch unter Otis’ KollegInnen haben viele aufgestockt – die meisten aber nur kurz. Als Stagehand arbeitet Otis teils von acht Uhr morgens bis drei Uhr nachts. „Du bist da wirklich das letzte Glied in der Kette. Du machst die schwerste Arbeit für das wenigste Geld.“ Im Unterschied zu ihm arbeiten viele seiner KollegInnen in Vollzeit: „Die Leute machen sich da wirklich kaputt.“ Trotzdem haben die meisten das Aufstocken aufgegeben oder nie ausprobiert – zu abschreckend der Ton im Amt, zu anstrengend die Formulare.

Fragt man Clara und Otis, was es zum Antragstellen braucht, haben sie eine deutliche Antwort: Geduld, einen finanziellen Puffer und ein Talent für Behördendeutsch. Mit einem dicken Stapel Dokumente geht Clara schon Monate vor der Geburt zum Jobcenter. Bis der Zuschuss gestattet wird, ist das Kind schon fast auf der Welt.

Bis heute verbringt die 27-Jährige mehrere Stunden pro Woche mit der Dokumentation für das Jobcenter. Mal werden Kontoauszüge verlangt, mal Gehaltsnachweise, vieles muss Clara immer wieder einreichen und erklären. Selbst die einfache Tatsache, dass sie noch studiert. Der Soziologe Dr. Stefan Stuth berichtet, dass auch im Jobcenter viele Sachbearbeiter prekär beschäftigt sind: Häufig würden Stellen für nur zwei Jahre vergeben, sodass sich die MitarbeiterInnen kaum auf ihre Kunden einstellen können – und sich im schlimmsten Fall nach der Befristung auf der anderen Seite ihres Tisches wiederfinden.

„Am Anfang habe ich noch versucht, alles zu verstehen. Jetzt schaue ich nur noch, welche Summe es diesen Monat gibt.“

Weil Otis beim Anblick eines Bescheids jedes Mal „steinmüde“ werde, hat Clara den Job mit dem Jobcenter übernommen. Die Bescheide, die sie zurückbekommt, füllen einen großen Ordner. Anders als Clara kann Otis sich vorstellen, dass hinter der sperrigen Behördensprache auch gezielte Abschreckung steht.

Foto: Oliver Betke
Helena Steinhaus, Foto von Oliver Betke

Helena Steinhaus sieht das drastischer.

„Das System Hartz IV bedingt ein Machtungleichgewicht. Da kommt es schnell zu verqueren Situationen oder auch Gängeln. Und dazu noch dieser Dschungel an Paragraphen.“

Sie findet, Hartz IV baue eine Drohkulisse auf, durch unverständliche Schreiben, abschätzige SachbearbeiterInnen, aber vor allem über Kürzungen. Mit dem Verein Sanktionsfrei setzt sie sich für Hartz IV EmpfängerInnen ein. Über drei AnwältInnen geht der Verein gegen eingereichte Sanktionen vor, und ist in 90 Prozent seiner Beschwerden erfolgreich. Bis zur Entscheidung gleichen Spenden sogenannter ‚Hartzbreaker‘ aus. Rund 70.000 Euro haben sie seit Ende 2016 verteilt. Demgegenüber stehen 904.000 Kürzungen, die das Jobcenter 2018 in Deutschland vollzog.

Auch Clara und Otis wurden schon sanktioniert. Nach einem verpassten Termin zahlte das Jobcenter drei Monate lang 38 Euro weniger. Mehr als die Kürzung ärgert sie der Umgang an sich: „Den fand ich schon manchmal sehr herablassend“, sagt Clara. Sie erinnert sich, wie ein Sachbearbeiter nachfragte, warum ihr Partner keine 40 Stunden pro Woche arbeite – andere würden das ja auch schaffen. Natürlich habe es auch nette Gespräche gegeben – insgesamt hatte das Paar aber selten das Gefühl, man wolle ihnen helfen.

Helena Steinhaus glaubt, dass vielen Menschen das Recht auf Grundsicherung nicht wirklich bewusst sei. Das gelte nicht nur für Angestellte im Jobcenter:

„Ich kann mir schon vorstellen, dass gerade Leute die arbeiten, eher sagen: ‚Nee, ich gehe nicht zum Jobcenter.‘ Viele sind es gewöhnt, mit wenig Geld zu leben. Sie haben diesen Arbeitsethos, diesen Stolz, irgendwie alleine hinzukommen. Aber da kann ich nur spekulieren.“

Tatsächlich geht die Zahl der Aufstocker seit 2014 zurück. Dazu beigetragen hat der Mindestlohn, der im Jahr 2015 eingeführt wurde. Laut verschiedenen SoziologInnen profitieren Beschäftigte aber vor allem von der Erholung des Arbeitsmarktes in Deutschland. Besonders wer vorher nur in Teilzeit oder in geringfügigen Beschäftigungen angestellt war, habe durch eine gute Wirtschaftslage die Chance, in einen Vollzeit-Job zu wechseln, sagt Karl Brenke vom DIW in Berlin. Durch eine Vollzeitanstellung sei die Chance auch am geringsten, in die Gruppe der Armen zu fallen oder Sozialleistungen beziehen zu müssen.


Worin sich WirtschaftswissenschaftlerInnen und SoziologInnen einig sind: dass vor allem Aus- und Weiterbildungen helfen, um in gut bezahlte Jobs zu kommen. Diesen Weg gehen auch Clara und Otis. Im August ziehen die beiden nach Nordrhein-Westfalen. Otis wird ein duales Studium im Bereich soziale Arbeit beginnen und Clara ein Praktikum aufnehmen. Mit den Verdiensten werden sie zumindest vorübergehend nicht mehr auf das Jobcenter angewiesen sein.

*Alle mit Sternchen gekennzeichneten Namen haben wir zum Schutz der ProtagonistInnen geändert.

Ausdrücklich möchten wir uns an dieser Stelle beim Amt für Statistik Berlin Brandenburg und dem Statistik Service Ost für die Bereitstellung der Daten bedanken.