Verarmung inklusive

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Menschen mit einer Behinderung oder einer psychischen Erkrankung sind überdurchschnittlich oft armutsgefährdet. Mangelnde finanzielle Mittel bedeuten häufig auch eine eingeschränkte gesellschaftliche Teilhabe, wodurch diese Bevölkerungsgruppe weiter ausgegrenzt wird. Umgekehrt ist der Gesundheitszustand von Armen auch deutlich schlechter als jener der Gesamtbevölkerung.

Wer gesund ist, kann arbeiten. Was aber passiert bei Krankheit oder Behinderung? Psychisch Kranke oder Menschen mit Behinderung haben ein höheres Armutsrisiko als andere. Von offiziellen Statistiken zum Thema Armut wird dieser Zusammenhang jedoch bisher kaum berücksichtigt.

Dabei bedingen sich Armut und psychische Krankheit gegenseitig – wer unter finanziellen Nöten leidet, entwickelt häufig psychische Störungen. Arme Menschen neigen vermehrt zu existenziellen Ängsten, Depressionen und Suchtkrankheiten. Gleichzeitig laufen Menschen mit psychischen Erkrankungen auch häufiger Gefahr, arm zu werden. Das liegt zum Teil daran, dass ihre Krankheit es ihnen nicht ermöglicht, in ausreichendem Umfang oder überhaupt zu arbeiten.

Neben mangelnden finanziellen Mitteln bedeutet das auch mangelnde gesellschaftliche Teilhabe: das Eis beim Italiener, das Kinoticket oder einen Ausflug – das alles verkommt zum finanziellen Stresstest. Eine Ausgrenzung dieser Bevölkerungsgruppen wird dadurch weiter begünstigt. Nicht selten ziehen sie sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurück, auch aus Angst vor Stigmatisierung.

Einer von vielen

Audio-Slideshow: Die Geschichte von Mario Döhler*

Wie schnell man durch Krankheit ans Existenzminimum kommt, hat Mario Döhler* am eigenen Leib erfahren. Der 40-jährige lebt in einer beschaulichen Erdgeschosswohnung in Berlin-Lichtenberg. Früher hat er als Metallarbeiter an Maschinen gestanden. Dass sich dadurch eine Knochenentzündung in seinen Füßen ausbreiten konnte, hat er zu spät bemerkt. Die Folgen: irreparabel. Zwei Zehen mussten amputiert werden und das stehen ging nicht mehr. Einen mehrstündigen Job ausüben? Unmöglich. Nach dem Krankengeld und der Aussicht, dass sich an der gesundheitlichen Situation nichts mehr verbessern würde, bekommt er nun 752,27 Euro EU-Rente.

Doch Döhler hatte Glück im Unglück. Er hat bereits als Teenager vor Berufsantritt eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen, die es ihm nun ermöglicht, ein Leben über der Armutsgrenze zu führen. 779,30 Euro extra – so lebt er von gut 1500 Euro im Monat. Seine Ausgaben muss er sich dennoch gut einteilen. Vor allem auch, weil er sich davon auch noch Erspartes für das Alter zur Seite legen muss. Denn mit 67, dem Renteneintrittsalter, endet die Berufsunfähigkeitsrente.

Zu seiner körperlichen Beeinträchtigung kamen, wie in vielen anderen Fällen auch, Depressionen hinzu. Der junge Mann, der hauptsächlich nur zuhause sitzen kann, hatte sich sein Berufsleben anders vorgestellt. Über den Psychotherapeuten, den er zur Verfügung gestellt bekommen hat, freut er sich deshalb sehr. Er hatte Glück: Denn viele psychisch Kranke warten zu lange auf einen Therapieplatz. Hinzu kommt die Verfügbarkeit von TherapeutInnen. Gerade in den östlichen Bezirken Berlins, wie Marzahn-Hellersdorf, kommen auf eineN TherapeutIn über 5000 EinwohnerInnen. In Charlottenburg-Wilmersdorf hingegen ist es einfacher einen Platz zu bekommen. Hier kommen nur gut 500 Menschen auf eineN TherapeutIn.

Mario Döhler hat dieses Problem nicht. Er fand unkompliziert einen Platz. Was nun bleibt ist der Ärger, den der junge Rentner verspürt, wenn er von Fremden gefragt wird, warum er keine Umschulung mache. So könne er doch arbeiten? Der Grund dafür ist eine Zwickmühle: Die Rente duldet keinen Zusatzverdienst und würde auch bei einer geringen Teilzeitbeschäftigung wegfallen – davon könnte Döhler nicht leben.

Stimmen für die Leisen

Offizielle Erhebungen wie der Berliner Sozialbericht erfassen Menschen mit Behinderung und Kranke nicht als Armutsgefährdete. Verbände wie der Paritätische Wolfahrtsverband und der Sozialverband Deutschland (SoVD) sprechen sich dagegen seit einigen Jahren öffentlich dafür aus und haben chronisch und psychisch Kranke sowie Menschen mit Behinderung als gesonderte Risikogruppen in ihre Agenda aufgenommen.

Claudia Tietz: „Wir haben ein soziales
Sicherungssystem, dass auf Hol-Schulden angelegt ist.“

Claudia Tietz, Referentin für Sozialpolitik beim SoVD, sieht das Problem auch im sozialen Sicherungssystem. Dieses sei auf Hol-Schulden ausgelegt, anstatt Leute aktiv zu unterstützen. Meldepflichten, Anträge und gegebenenfalls rechtliche Einsprüche überfordern aber häufig gerade diejenigen, die aufgrund ihrer Beeinträchtigung Hilfe am meisten benötigen.

Anne Gersdorff arbeitet bei den Sozialhelden, einem Berliner Verein, der sich für Menschen mit Behinderung stark macht. Sie sitzt selbst im E-Rollstuhl und benötigt eine Assistenz, die rund um die Uhr für sie da ist. Nach dem Bundesteilhabegesetz darf sie nicht mehr besitzen als 30.000 Euro – alles darüber muss abgeführt werden. Grund: Der Staat zahlt für ihre Assistenz, bestehend aus acht Angestellten, die im Schichtbetrieb arbeiten, rund 14.000 Euro im Monat. Für Menschen mit Behinderung ist das eine große Belastung. Fürs Alter sparen? Unmöglich. Das Haus der Eltern erben? Ausgeschlossen. Heiraten? Bloß nicht, denn der/die PartnerIn müsste dann genauso für die Kosten aufkommen. Zudem haben Menschen mit Behinderung auch höhere Fixkosten, erklärt Gersdorff. Sie haben höhere Heizkosten, brauchen auch mal besondere Hilfsmittel, deren Kosten die Krankenkasse nicht immer übernimmt und benötigen eine größere, barrierefreie Wohnung.

Der knappe Wohnraum und die steigenden Mietpreise führen dazu, dass Menschen mit Behinderung in die Randbezirke verdrängt werden.

Dominik Peter: „Ich behaupte, Behinderte sind
der größte Arbeitgeber in Deutschland.“

Auf Bundesebene verändert sich aber aktuell etwas: Ab 2020 wird der Freibetrag auf 50.000 Euro angehoben – jedoch nur für Berufstätige auf dem regulären Arbeitsmarkt. Für die vielen Menschen mit Behinderung, die in einer Behindertenwerkstatt angestellt sind, ändert sich hingegen nichts. Und wer durch seine Behinderung keiner Arbeit nachgehen kann, muss mit einem Freibetrag von 5.000 Euro auskommen. Ungerecht, findet Dominik Peter, Vorsitzender beim Berliner Behindertenverband: „Wir kaufen uns davon Hilfsmittel und fliegen nicht auf die Malediven!“

*Name geändert