Ungleichstadt Berlin?

Die günstigsten Straßen im Monopoly-Spiel sind die Berliner Badstraße und Turmstraße.
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In manchen Bezirken verdienen die reichsten 20 Prozent mehr als fünf mal so viel, wie das einkommensschwächste Fünftel. Doch die Ungleichheit hat in Berlin noch mehr Facetten. Drei Blickwinkel.

  • Wo deuten sich Probleme an und wo nimmt der Wohlstand zu? Die ungleiche Verteilung von Spielotheken als Anzeiger sozialer Probleme und Bioläden als ein Wohlstandsindikator geben einen Überblick.
  • Wächst der Anteil der armen oder reichen BerlinnerInnen? Die Armuts- und Reichtumsquote zeigen Veränderungen im Zeitverlauf.
  • Wo ist das Gefälle zwischen Top- und Geringverdienern am größten? Auf Bezirksebene ist die Einkommensschere unterschiedlich weit geöffnet.

Viele Spielhallen, armer Kiez?

Die Turmstraße in Moabit, die Sonnenallee in Neukölln oder die Residenzstraße in Reinickendorf: Hier reihen sich Spielhallen und Wettbüros aneinander. Hingegen finden sich an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg gleich mehrere Biomärkte – genau wie rings um den Boxhagener Platz.

Viele Spielhallen, armer Kiez? Ganz so einfach ist es nicht. Zwar versprechen Automatenspiele hinter verdunkelten Scheiben plötzlichen Reichtum, aber viele beginnen mit dem Glücksspiel, weil sie arm an sozialen Beziehungen sind – nicht aus finanzieller Not. Spielotheken sind also nicht per se Anzeiger von Geldnot, aber können ein Anzeiger sozialer Probleme sein. Doch mit der Spielsucht führt Einsamkeit schnell in die Schulden.

Biomärkte als Indikator von Aufschwung

Bioläden finden sich hingegen vermehrt dort, wo Menschen sich die Produkte auch leisten können, sie sind also ein Indikator für Aufschwung und wohlhabende Kieze. Die Analyse der Standorte zeigt, wie unterschiedlich die Berliner Viertel geprägt sind.

Biomärkte finden sich vermehrt in Steglitz-Zehlendorf und dem Prenzlauer Berg. Auch ehemalige Arbeiterbezirke – die allerdings einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt haben. In Kreuzberg und dem nördlichen Neukölln finden sich Biomärkte und Spielotheken nah beieinander – ein möglicher Indiz für gesellschaftlich durchmischte Kieze.

Besonders viele Spielotheken haben sich im Wedding und Gesundbrunnen angesiedelt. Wer von der Außenwelt abgeschottet am Automaten spielen will, hat in den traditionell einkommensschwächeren Vierteln kürzere Wege.

„Spielhallen zerstören Kieze“ erklärt SPD-Politiker Daniel Buchholz. Seit 2016 hat Berlin das strengste Spielhallengesetz Deutschlands. Über 100 Spielotheken mussten bereits schließen. Doch noch immer sind über 270 Spielhallen im Gewerberegister von Berlin registriert. Dazu kommen mehrere hundert Wettbüros, die oftmals nicht offiziell gemeldet sind.

Spielsucht hat viele Facetten

Rund 37.000 BerlinerInnen gelten offiziell als Spielsüchtige. Schätzungen gehen von einer viel höheren Dunkelziffer aus. Die, die gegen die Sucht kämpfen wollen, suchen zum Beispiel Hilfe bei Gordon Emons. Der Sozialarbeiter unterstützt Süchtige auf dem steinigen Weg zur „Spielfreiheit“. Im Café Beispiellos in Kreuzberg berät er Betroffene und verzweifelte Angehörige.

Du willst mehr über die Glücksspielproblematik in Berlin wissen? Fünf Fragen an Spielsuchtberater Gordon Emons:

Gordon Emons Sozialarbeiter
Gordon Emons hilft Spielsüchtigen in Berlin. Foto: Tobias Hausdorf
  1. Stimmt es, dass die meisten Spielotheken in Neukölln stehen?

2. Wie viele Spielsüchtige suchen in Berlin Hilfe?

3. Berlin hat seit 2016 das strengste Spielhallen-Gesetz Deutschlands. Hilft es Spielsüchtigen?

4. Wer wird in Berlin spielsüchtig? Und stimmt das Klischee vom arbeitslosen Spielsüchtigen?

5. Wie hoch verschulden sich Spielsüchtige?

Berlins ungleiche Schuldenlast

Nicht nur Spielotheken und Bioläden zeigen, wie unterschiedlich die Kieze geprägt sind. Der Schuldenatlas verdeutlicht: Wo viele Spielhallen liegen, sind auch mehr Menschen verschuldet. Die private Schuldenlast der BerlinerInnen ist sehr ungleich über das Stadtgebiet verteilt, wie die Aufschlüsselung nach Postleitzahlengebieten erkennen lässt. Während in einigen Kiezen rund fünf Prozent der Bewohner verschuldet sind, haben in anderen Gebieten knapp 25 Prozent der Einwohner Schulden.

Besonders betroffen sind die Viertel im Nordwesten, Teile von Neukölln und die Randbezirke. In einigen Postleitzahlgebieten sind mit knapp 25 Prozent rund ein Viertel der Bewohner verschuldet. Im Zentrum sowie den Bereichen Prenzlauer Berg und Pankow ist die Schuldnerquote hingegen vergleichsweise niedrig.

Reiches Berlin, armes Berlin

„Im Zeitverlauf nimmt der Anteil der armen BerlinerInnen leicht zu“, sagt Ricarda Nauenburg vom Amt für Statistik Berlin-Brandeburg. Die aktuellsten Daten von 2016 benennen eine Armutsquote von 7,2 Prozent. Das heißt für rund 270.000 BerlinerInnen, dass sie weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Während der Anteil der armen Menschen in Berlin zunimmt, schwankt der Anteil der Reichen im langjährigen Zeitverlauf bei rund neun Prozent. Als reich gilt in Berlin, wer pro Monat mehr als 3076 Euro zur Verfügung hat.

Das Verhältnis von Armut und Reichtum zeigt, wie unterschiedlich gut oder schlecht die BerlinerInnen finanziell dastehen. Ausreißer, wie zwischen den Jahren 2013 und 2014 sind auf Änderungen in der Erhebung zurückzuführen“, erklärt Nauenburg.

Noch konkreter zeigt sich die Ungleichheit, wenn sich die Perspektive auf Bezirksebene verengt. Zwischen Geringverdienern und Menschen mit hohem Einkommen liegen manchmal nur ein paar Blocks.

Besonders ungleich ist das Verhältnis von arm zu reich in Charlottenburg-Wilmersdorf. Auch Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg liegen über dem Berliner Durchschnitt. Insgesamt 4,3 mal so viel Einkommen haben die besserverdienenden BerlinerInnen als das Fünftel mit dem niedrigsten Einkommen. Geschlossener ist die Einkommensschere in den Bezirken, in denen viele Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen wohnen: Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg.

Ungleiche Einkommensverteilung

Nicht nur wie viel mehr die reichen BerlinerInnen verdienen, sondern wie ungleich die Einkommen in den einzelnen Bezirken insgesamt verteilt sind, zeigt der Gini-Koeffzient. Das statistische Maß gibt an, wie das Gesamteinkommen aller BerlinerInnen auf den Einzelnen verteilt ist. Einkommensgleichheit würde bedeuten, genau 50 Prozent der BerlinerInnen erhalten 50 Prozent des Gesamteinkommens. Je nachdem wie groß die Abweichung von diesem Zustand der Gleichverteilung ist, nimmt der Gini-Koeffizient einen Wert zwischen 0 und 1 an. Je näher der Wert an 1, desto ungleicher verteilen sich die Einkommen auf die Bewohner des jeweiligen Bezirks.

Im Vergleich der Berliner Bezirke haben die Einwohner von Lichtenberg einen verhältnismäßig gleichen Anteil am Gesamteinkommen des Bezirks. Auch in Pankow und Marzahn-Hellersdorf nimmt der Gini-Koeffizient kleinere Werte an, die Einkommensunterschiede sind als im Vergleich zu anderen Berliner Bezirken geringer. In Charlottenburg-Wilmersdorf und Mitte liegt der Gini-Koeffizient in Berlin am höchsten. Hier verfügt also ein kleiner Anteil der Einwohner über deutlich mehr Einkommen.