Im Alter auf Grund gelaufen

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Schon heute ist etwa jede zehnte Person im Rentenalter arm. Der Anteil wird weiter zunehmen. Und auch die Grundsicherung schützt vor Armut im Alter nicht.

Peter sitzt auf den Treppenstufen zur Osterkirche im Berliner Wedding. Er lehnt an den roten Backsteinen neben dem Eingangsportal und dreht eine Zigarette, neben sich seine beide Krücken. Hier wartet er, dass er bei der Ausgabe der Tafellebensmittel an die Reihe kommt, die einmal in der Woche in der Osterkirche verteilt werden.

Peter ist 66 Jahre alt. Er bekommt eine sehr kleine Rente, aber hauptsächlich lebt er von der Grundsicherung, mit der Bedürftigen im Alter das Überleben gesichert werden soll.

Peter wartet vor der Osterkirche im Berliner Wedding darauf, dass er Lebensmittel von der Tafel abholen darf. Foto: Teresa Roelcke

Peter hat studiert und er hat gearbeitet. Acht Jahre war er Gymnasiallehrer, für Erdkunde und Deutsch, Geschichte und Religion. Verbeamtet war er nicht. Dann wurde er krank und konnte nicht mehr weiterarbeiten. Er versuchte es noch freiberuflich, mit journalistischen und künstlerischen Arbeiten, in der Erwachsenenbildung. Für eine solide Rente reichte das alles aber nicht. Vor allem machte der Körper nicht mit: Gehen fällt ihm schwer, die Gelenke, der Kreislauf sind schwach. Heute ist ihm eine siebzigprozentige Behinderung attestiert, gerade beantragt er die Anerkennung einer vollständigen Behinderung.

Vielen Menschen mit gebrochenen Erwerbsbiographien wie der von Peter droht im Alter Armut. Freiberuflichkeit kann eine Ursache dafür sein, dass die Personen nicht kontinuierlich in die Rentenkasse eingezahlt haben. Eine andere Ursache ist Arbeitslosigkeit. Für diejenigen, die eine extrem niedrige Rente beziehen, stockt der Staat in Form der Grundsicherung auf: Der Regelbedarfssatz für eine alleinstehende Person mit eigenem Haushalt beträgt 424 Euro. Darüber hinaus werden Mietkosten gezahlt, sofern die Behörde die Höhe für angemessen hält, und andere zusätzliche Bedarfe, die zum Beispiel aus Behinderungen resultieren. Eine fixe Ziffer für die Rentenhöhe, ab der man allgemein Anspruch auf Grundsicherung hat, lässt sich also nicht benennen; die Berechnung erfolgt immer bedarfsabhängig. Besonders viele Personen im Rentenalter beziehen in Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg die Grundsicherung, wie die folgende Graphik zeigt.

Peter bekommt diese staatliche Unterstützung in Form der Grundsicherung. Er hat viel Erfahrung mit den Antragsformularen und hilft anderen Bedürftigen dabei, ihre Anträge auszufüllen und zu stellen. Das ist auch nötig: Laut Schätzungen nehmen mehr als die Hälfte der Personen, die einen Anspruch auf Grundsicherung hätten, diese nicht in Anspruch. Sie leben also von extrem wenig Geld, obwohl ihnen Hilfe vom Amt zustünde. Für diese sogenannte verdeckte Armut gibt es viele Gründe: Unwissen über die Möglichkeit, Grundsicherung zu beantragen, Scham, und wohl auch Überforderung, wenn es um das Ausfüllen der Anträge geht. Hier zumindest kann Peter ein bisschen Abhilfe schaffen, indem er die anderen Menschen, die zur Tafel kommen, bei der Bewältigung der Antragsstapel unterstützt.

Das Phänomen der gebrochenen Erwerbsbiographien ist vor allem in der Öffentlichkeit präsent, wenn es um die ostdeutschen Bundesländer geht. Dabei war Altersarmut im Osten bisher kein besonders großes Problem, wie Peter Haan vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung erklärt: „Das liegt daran, dass die jetzigen Rentnergenerationen im Osten sehr stetige Erwerbsbiographien hatten und das Rentensystem nach der Wiedervereinigung so angeglichen wurde, dass die meisten Renten einigermaßen hoch sind.“ Vor allem Frauen seien im Vergleich zu Westdeutschland meist deutlich im Vorteil, da sie in der DDR viel kontinuierlicher berufstätig sein konnten.

Problematisch wird es aber, wenn die Generationen in Rente gehen, die nach der Wende in den neunziger Jahren arbeitslos wurden. Denn durch die Arbeitslosigkeit konnten die betroffenen Personen über längere Zeit nicht in die Rentenkasse einzahlen – ein großes Risiko für Altersarmut.

Peter allerdings hat nie in in Ostdeutschland gelebt: Geboren wurde er in Niedersachsen, aber schon seit seinem Studium an der Freien Universität ist er in (West-)Berlin. Für ihn ist die gebrochene Erwerbsbiographie also keine Spätfolge des politischen Systemwechsels. Stattdessen verschränken sich bei ihm andere Ursachen und Folgen der Armut. Wie viele andere Besucher der Tafel in der Berliner Osterkirche ist er nicht nur alt, sondern auch krank und kann dadurch schon lange nicht mehr arbeiten.

Außerdem verstärkt seine Wohnsituation sowohl Armut als auch Krankheit: Vor Kurzem ist er im Hausflur gestürzt, da die Luxemburger Briefkastenfirma, die nach dem mehrfachen Besitzerwechsel das Haus übernommen hat, die Beleuchtung im Treppenhaus nicht repariert. Die Gasheizung in seiner Wohnung funktioniert auch nicht. Deswegen muss er im Winter mit einem kleinen Radiator heizen – Stromkosten, die das Bezirksamt zwar übernimmt, die dann aber von seinem Essensgeld abgezogen werden. Auch darum muss Peter immer wieder zur Tafel kommen.

Supermärkte überlassen der Tafel Lebensmittel, die nicht mehr schön aussehen oder gerade das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben, viel saisonales Obst und Gemüse. Wenn Peter Glück hat, dann gibt es auch Konserven oder etwas Süßes. Die zwei Beutel, die er am Ende mit nach Hause nehmen kann, verbraucht er nicht vollständig selbst: Er gibt auch Obdachlosen etwas ab.

Freiwillige bereiten die Ausgabe der Lebensmittelspenden vor. Foto: Teresa Roelcke

Welche Möglichkeiten gibt es? Wie lässt sich Altersarmut effektiv bekämpfen? In der Simulation untersucht Wissenschaftler Haan vom DIW den Effekt unterschiedlicher politischer Maßnahmen. Die meisten Maßnahmen helfen in der Breite nicht viel, sondern unterstützen vor allem einzelne Risikogruppen. Auch die kürzlich von der SPD ins Spiel gebrachte Grundrente löst das Problem der Altersarmut nicht, so Haan: „Die Grundrente ist von der Konzeption her nicht dazu da, Altersarmut zu bekämpfen, sondern sie soll Leistungsgerechtigkeit herstellen für die fleißigen Leute, die mehr als dreißig Jahre Beiträge in die Rentenversicherung gezahlt haben.“

Für Peter ist der Handlungsbedarf fundamental: „Es muss sich mal grundsätzlich was ändern. Diese ganzen Bereiche wie Gesundheit, Daseinsfürsorge, Bildung und so weiter, das darf alles nicht ökonomisiert sein.“ Dass die Tafel ein bisschen Abhilfe schafft, dass man hier Lebensmittel bekommt und sich mit anderen von Armut Betroffenen austauschen kann – all das kann das Problem Altersarmut jedenfalls nicht beheben.