Editorial

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Nicht überall in Berlin ist Armut offensichtlich. Die Gründe für Armut sind so unterschiedlich wie die Einzelschicksale dahinter. Den einen macht Arbeitslosigkeit arm, die andere Familie treibt ein Krankheitsfall in Schulden, wieder anderen reicht die Rente nicht – manchmal kommt alles zusammen. Auch Kinder müssen hier in Armut leben. All diese Gesellschaftsgruppen leben mit uns, unter uns, die meisten sehen wir nicht, weil sie nicht sichtbar sind. Das hat unsere Recherche auch so schwer gemacht: Wie Betroffene finden für Gespräche? Wie mit Klischees umgehen und Stigmatisierung vermeiden? Und was können wir zeigen, was nicht?

Wir wollen Armut sichtbar machen, ohne sie zur Schau zu stellen

Wir wollten wissen, wo die Armen Berlins sind, wer sie sind und wie sie leben. Auf der Welt gibt es vielerorts größere Armut als in der reichen Bundesrepublik. Und doch leben in Deutschland viele arme Menschen. Menschen, die von sozialer Teilhabe ausgeschlossen sind, die arm sind trotz Arbeit oder sich einfach die Miete in der Stadt nicht mehr leisten können. Welche Umstände zu Armut führen, ist in jedem Fall unterschiedlich. Biographien brechen, weil die Mauer gefallen ist und der Arbeitgeber verschwindet, sie brechen, wenn Verwandte krank werden oder man sich um Angehörige kümmern muss.

Wer ist arm?
Bei der Frage, ab wann ein Mensch als arm gilt, unterscheidet man zwischen absoluter und relativer Armut.
Absolute Armut heißt, dass einer Person weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag zur Verfügung stehen.
Relative Armut bedeutet, dass das Einkommen eines Haushalts weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommen eines Landes beträgt.
In Deutschland gilt nach dem Stand des Jahres 2017 eine alleinstehende Person mit einem monatlichen Nettoeinkommen unterhalb von 999 Euro als arm.

Vereinzelt gibt es auch Lichtblicke: Die Kluft zwischen Ost- und Westberlin ist 30 Jahre nach dem Mauerfall weitgehend geschlossen – zumindest was die Zahl der Langzeitarbeitslosen betrifft. Auch die Personen, die länger als ein Jahr von Arbeitslosengeld leben, werden in Berlin schneller weniger als in jedem anderen Bundesland.

Die Vielzahl von Einflüssen sind in einem einzigen Bericht nicht zu greifen. Die Auswirkungen von Armut werden von Bundesämtern, Stiftungen und Forschungsinstituten statistisch erhoben. Die Ergebnisse, die großen Zahlen, sind abstrakt. Wenn über 43.000 RentnerInnen in Berlin von Grundsicherung leben, ist das schwer zu fassen. Deshalb geben wir diesen Zahlen Gesichter: in multimedialen Beiträgen mit Grafiken, Interviews und Geschichten.