Arm jetzt und in Zukunft

von und

Schon heute ist etwa jedeR zehnte RentnerIn arm. Der Anteil wird weiter zunehmen. Teresa Roelcke und Jann-Luca Künßberg haben sich Zahlen angeguckt, mit Betroffenen gesprochen und am Ende herausgefunden: für Ponyhöfe werden im Alter die meisten kein Geld haben. Am Rentensystem muss sich dringend etwas ändern.

Inhalt

Arbeitslos und kurz vor der Rente
Video-Quiz
Klaus‘ Kühlschrank
Zu viel für Grundsicherung, noch weniger zum Leben?
Szenario: Wie viel Rente bekomme ich?

Arbeitslos und kurz vor der Rente
Klaus Bräuer Foto: Jann-Luca Künßberg

Ganz in der Nähe des S-Bahnhof Feuerbachstraße, da, wo das bourgeoise Friedenau zum nicht minder gut bürgerlichen Steglitz wird, gibt es noch ein paar günstige Wohnungen. Aus deren Fenstern blicken die BewohnerInnen auf die A103, einen kurzen Ausläufer der Berliner Stadtautobahn. Und auf die parallel verlaufenden Gleise der S-Bahnlinie 1. Der Verkehr ist zu hören. In einer dieser Wohnungen wohnt Klaus Bräuer. Im Hinterhaus allerdings, da ist es nicht ganz so laut. Bräuer ist 64 Jahre alt, gelernter Schauspieler und langzeitarbeitslos.

Kurz vor einer Rente in Grundsicherung bezieht er aktuell noch Hartz IV. Als Schauspieler gehört er zu einer im Diskurs eher unterrepräsentierten Gruppe Arbeitsloser, unstete oder unregelmäßige Beschäftigungen sind selbstverständlich, nur Fernsehserien oder große Prominenz werden entweder dauerhaft oder ausreichend gut bezahlt, erzählt Bräuer.

Nach diversen Theaterengagements war er in vielen Fernsehshows zu sehen: GZSZ, Unser Charlie, SOKO Wismar sind die bekannteren Formate. Allerdings nur in Nebenrollen, davon vielleicht zwei, drei, im besten Fall vier im Jahr. Die Gagen dafür reichen nie, um 365 Tage davon zu leben. Deshalb ist Klaus Bräuer lange Zeit Hartz IV-Empfänger. Einen anderen Job will er nicht. Er ist schließlich Schauspieler.

Zertifiziert und staatlich anerkannt: Klaus Bräuer ist Schauspieler Foto: Jann-Luca Künßberg

Das bleibt er auch, wenn er dann Rentner wird. Viel wird sich für den Westfalen dann nicht ändern, aus Hartz wird Grundsicherung. Niemand wird dann mehr versuchen, ihn in Jobs zu vermitteln, die er nicht machen will. Es wird aber auch niemand mehr Kosten für Castings oder aktuelle Fotos übernehmen. Nicht, dass das aktuell eine Selbstverständlichkeit wäre, sagt Klaus Bräuer. Aber mit Glück bekäme man schon mal das Geld für ein professionelles Shooting erstattet. Und solche seien wichtig, sonst verliere man die wichtige Präsenz in den Onlinekarteien.  

Für Berufsausgaben muss er oft in Vorkasse gehen

„Von meiner Rente verspreche ich mir nichts. Aus Hartz IV komme ich nicht raus in diesem System“

Klaus Bräuer

Oft muss er in Vorkasse gehen, wie gerade erst wieder, um sich für 109 Euro bei einem Videoportal für SchauspielerInnen zu registrieren. Klaus Bräuer will sichtbar bleiben. Dann leiht er sich Geld und hofft, dass es schnell vom Jobcenter erstattet wird. Allzu viele FreundInnen hat er nicht, bei denen er sich Geld leihen kann, vor allem die vielen KollegInnen teilen sein Schicksal. 

Bei der Berliner Tafel holen sich viele beschäftigungslose SchauspielerInnen Nahrung, Bräuer trifft immer wieder welche bei der Ausgabe in Steglitz. Einmal pro Woche bekommen hier TransferleistungsbezieherInnen gegen Nachweis Lebensmittel für ein bis zwei Euro. Die Mengen sind oft recht üppig, wird in Deutschland doch immer noch viel gutes Essen nicht mehr verkauft. Das zeigt auch der virtuelle Blick in Klaus Bräuers Küche und Kühlschrank.

Video-Quiz

„Die Rentner, die mit fünf Euro drüber sind, stehen am Ende noch beschissener da“

Klaus Bräuer

Im interaktiven Videoquiz erzählt Bräuer auch von den RentnerInnen, deren Bezüge ein paar Euro über der Bemessungsgrundlage für die Grundsicherung liegen. Die dürfen nicht günstig bei der Tafel Essen kaufen, die haben keinen BerlinPass für Vergünstigungen im Kulturangebot oder eine günstigere Monatskarte. So stehen diese RentnerInnen schnell noch schlechter da als jene in Grundsicherung. Wie sich das in Zahlen ausdrückt, zeigt unsere Grafik.

Klaus‘ Kühlschrank
Zu viel für Grundsicherung, noch weniger zum Leben?

Aus finanzieller Armut resultiert allzu oft auch Mangel an Partizipationsmöglichkeiten, an sozialer Teilhabe. Die Grundsicherung im Alter soll genau diese sicherstellen, wie erfolgreich das ist, hängt natürlich auch an den Präferenzen der Einzelnen. Der BerlinPass, zu dem alle Sozialleistungsempfänger der Stadt berechtigt sind, ermöglicht immerhin günstige Mobilität in Form eines vergünstigten Nahverkehrstickets oder Zugang zum Kulturangebot.

RentnerInnen ohne Grundsicherung können immerhin ein sogenanntes „65plus-Ticket“ kaufen, das zwar günstiger als das normale, aber fast doppelt so teuer ist wie das Sozialticket mit BerlinPass. Das führt dazu, dass RentenbezieherInnen knapp über der Bemessungsgrenze für die Grundsicherung unter Umständen noch schlechter gestellt sind. Die unten stehende Grafik zeigt den Vergleich der beiden Rentengruppen mit einer DurchschnittsverdienerIn in Berlin.

Wie viel Rente bekomme ich?

Ein Experiment: Wenn ich nach dem Volontariat eine der immer seltener werdenden Festanstellung als Journalist bei einer Zeitung kriege und tariflich bezahlt werde, wie viel Rente bekäme ich dann mit 67?

Während der Recherche zu Armut im Alter wurde ich schnell mit dem Thema Rente konfrontiert. Ich hatte diese Stimmen im Kopf, die sagen: Die jungen Menschen beschäftigten sich nicht mit ihrer Altersvorsorge. Dann habe ich überlegt, was denn eine Beschäftigung damit sein könnte. Sollte ich schon eine Lebensversicherung abschließen? Mir Gedanken machen, wie ich später als freier Journalist meinen Lebensunterhalt im Alter am besten vorbereiten kann?

Ich wollte erst einmal wissen, wie es aussähe, wenn alles einigermaßen glatt läuft. Ich beende mein Volontariat, unterschreibe einen tarifgebundenen Vertrag bei einer Zeitung inklusive betrieblicher Altersvorsorge. Die ist in der Medienbranche sehr gut, die Tarifanpassungen dafür eher nicht.

Die Inflation frisst Gehälter auf, die Tarife kommen kaum hinterher

Dann arbeite ich 40 Jahre bis zum Renteneintritt für diese Zeitung als Redakteur ohne leitende Funktion, bekomme die tariflichen Gehaltserhöhungen und regelmäßigen Anpassungen und zahle beim Versorgungswerk der Presse ein.

Herausgekommen ist eine große Tabelle, die mein Bruttogehalt für jedes Jahr, jeden Monat als Reallohn und auch als Barwert wiedergibt, also die inflationsbereinigte Kaufkraft meines Lohnes im Verlauf der Jahre. Zuerst war ich ganz angetan: in meinem letzten Erwerbsjahr würde ich über 7.500 Euro verdienen. Als ich die Inflationsrate dann einbezog, kam eine Summe heraus, die meinem Einstiegsgehalt nach dem Volontariat nahe ist. Der drastische Verlauf wird in dieser Grafik deutlich.

Und in der interaktiven Timeline kann im Zehnjahrestakt nicht nur mein Ergrauen, sondern eben die Entwicklung meines Gehaltes nachvollzogen werden. Und am Ende steht die Rente. Spoiler: Es könnte mehr sein.

Berechnungsgrundlage ist der Gehaltstarifvertrag für Redakteurinnen und Redakteure an Zeitschriften, der ab dem 01.11.2019 gültig wird. Für die Extrapolierung der Tarifanpassungen habe ich die der vergangen 25 Jahre in die Zukunft projiziert. Die Inflationsrate beruht auf Aussagen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und dem Plan der Europäischen Zentralbank, die Inflation mittelfristig im Bereich von 2% zu halten. Die Beiträge für das Versorgungswerk der Presse sind festgelegt. Die Berechnung der gesetzlichen Rente erfolgte auf Grundlage des Schlüssels der Deutschen Rentenversicherung.

Natürlich kann dieses Szenario keine empirischen Ansprüchen gerecht werden. Es kann aber unalarmistisch und mit Augenzwinkern einen Ausblick geben und Forderungen aufmachen: Am Rentensystem muss sich dringend etwas ändern. Das Beispiel orientiert sich an einem relativ idealen Fall ohne Brüche in der Erwerbsbiografie, dauerhafte sozialversicherungspflichtige Anstellung, keine Elternzeit. Das ist weder im Guten noch im Schlechten ein zeitgemäßes Beschäftigungsverhältnis, geschweige denn ein realistisches in Zukunft.

Reallohn vs. Kaufkraft

Die Zahlen meiner Berechnungen lege ich gerne offen. Nutzen Sie hierfür einfach das Kontaktformular.