An Berlins sozialer Grenze

Blick auf die Gleimstraße
von und

Zwischen Prenzlauer Berg und Gesundbrunnen verläuft eine unsichtbare Mauer. Wo einst Beton Menschen an der Gleimstraße voneinander trennte, bildet das Wohlstandsgefälle eine neue, soziale Barriere. Warum ist das so?

Per Spix tritt vor seine Haustür im Gesundbrunnen und geht die 500 Meter durch den Gleimtunnel in Richtung Prenzlauer Berg. Pfingstmontag, Abendsonne. Der 27-Jährige will noch etwas trinken, danach im Park entspannen. „Meine Freizeit verbringe ich oft im Prenzlberg“, sagt Per Spix, der bei Brot für die Welt arbeitet. Kneipen, Restaurants, Imbisse: es gibt ein großes Angebot. Anders als in seinem Wohnbezirk.

Er bemerkt eine soziale Grenze zwischen den Vierteln: „Es ist ein ganz anderes Publikum im Brunnenkiez als im Prenzlauer Berg.“ Migrantisch geprägte Familien auf der einen, wohlhabende AkademikerInnen auf der anderen Seite. Über mehr Durchmischung würde er sich freuen.

Per Spix wohnt an der Gleimstraße – im Teil, der zum Wedding gehört. Foto: Tobias Hausdorf

Seit zweieinhalb Monaten wohnt er an der Westseite der Gleimstraße, im Gesundbrunnen. „Wer auf der Kante wohnt, hat den Vorteil der relativ geringen Mieten“, sagt Per Spix, roter Bart, ganz in schwarz gekleidet. Und müsse nicht auf das Angebot an Bars und Läden verzichten. Seine Rolle als neuer Anwohner sieht er selbstkritisch: „Leute aus dem Viertel habe ich bisher nicht kennengelernt – das habe ich noch nicht forciert.“

Ich wohne im Brunnenviertel, aber mein Geld gebe ich im Prenzlauer Berg aus

Per Spix, Anwohner Gleimstraße

Die Gleimstraße: Während sich der zum Prenzlauer Berg gehörende Ostteil zum hippen Viertel mit teuren Kinderwägen und Burgerläden entwickelte, ist im Brunnenviertel am Westende der Straße davon noch wenig zu spüren. Eine Straße, 1,33 Kilometer, zwei Welten?

Eine Straße, zwei Welten?

Es staubt in der Mittagshitze, ein Betonmischer lärmt. Am Ostende der Gleimstraße im Prenzlauer Berg arbeiten Handwerker an einer weiteren Fassadensanierung eines Altbaus. Im Westen der Straße, der zum Brunnenviertel gehört, stehen zweckmäßige Häuser, die mit Mitteln des Marshall-Plans errichtet wurden. Dazwischen der Gleimtunnel.

„Die soziale Grenze in der Gleimstraße ist immer noch da“ sagen Dunja Berndt und Holger Eckert vom Nachbarschaftsverein Brunnenviertel e.V. und bestätigen die Beobachtung vom Anwohner Per Spix. Mit ihrem Verein und verschiedenen Projekten wollen sie helfen, dass die Menschen an der Gleimstraße zusammenkommen – und die soziale Mauer abbauen. Zum Beispiel indem sie gemeinsam in der Gleimoase gärtnern.

Nahaufnahme: Unterschiede zwischen Schulen und Discountern

Die soziale Grenze zwischen den Bezirken zeigt sich am Beispiel von Grundschulen und Einkaufsmärkten in der Nähe der Gleimstraße. Wenn man betrachtet, wie viele Kinder aus verschiedenen Kulturen gemeinsam im Klassenzimmer lernen, wird der Unterschied besonders deutlich.

Zur Schule lieber in den Prenzlauer Berg?

„Manche Eltern aus dem Brunnenviertel versuchen ihre Kinder auf die nahen Schulen im Prenzlauer Berg zu schicken, da sie sich dort ein besseres Lernverhältnis erhoffen“, sagt Dunja Berndt. Das trage zu einer stärkeren sozialen Durchmischung der Nachbarschaft bei, allerdings nur in eine Richtung. Denn Kinder aus dem Prenzlauer Berg gehen in der Regel auch dort zur Schule. Ihre Eltern würden sie fast nie an Schulen im Wedding schicken, sagt Dunja Berndt.

Links: Insgesamt 497 SchülerInnen besuchen die Thomas-Mann-Grundschule an der Greifenhagener Straße im Prenzlauer Berg. Über 85 Prozent sprechen Deutsch als Muttersprache. Rechts: An der Heinrich-Seidel-Grundschule an der Ramlerstraße im Brunnenviertel lernen 549 SchülerInnen gemeinsam. Von nur fünf Prozent ist die Herkunftssprache Deutsch.

Luftlinie 1,4 Kilometer. So weit liegen die beiden Grundschulen auseinander. Doch die Multikulturalität in den Klassenzimmer unterscheidet sich stark. Während an der Heinrich-Seidel-Grundschule 95 Prozent der SchülerInnen eine nichtdeutsche Herkunftssprache sprechen, sind es an der Thomas-Mann-Grundschule im Prenzlauer Berg nur 12,1 Prozent. 22,4 Prozent der SchülerInnen, die an der Grundschule im Brunnenviertel lernen, haben einen ausländischen Pass. An der Thomas-Mann-Grundschule im Prenzlauer Berg ist der Anteil mit 8,5 Prozent weniger als halb so groß.

Das Wohlstandsgefälle zwischen Brunnenviertel und Prenzlauer Berg spiegeln die Grundschulen wider: Weil viele der Eltern von Kindern der Heinrich-Seidel-Grundschule sich die Zuzahlungen zu den Büchern und Lernmaterialien ihrer Kinder nicht leisten können, sind sie vom Lehrmittelzuschuss befreit. Das Resultat: Eine finanzielle Belastung für die Schulen. Deswegen bekommt die Heinrich-Seidel-Schule einen Förderzuschuss von 80.000 Euro pro Jahr. In der Elternschaft der Thomas-Mann-Grundschule können mehr Eltern den Lehrmittelzuschuss für ihre Kinder an die Schule bezahlen. Sie brauchen keine Förderung.

Händler passen Angebot an Kieze an

„Das Angebot im Obi-Markt Berlin-Wedding ist deutlich abgespeckt“, sagt Holger Eckart vom Brunnenviertelverein. Das habe ihm der Marktleiter erzählt. Es gebe vorwiegend billige Produkte. Hochpreisige Geräte, wie es sie in anderen Obi-Filialen gibt, seien in der Niederlassung im Wedding kaum verfügbar. Der Grund: Die Händler haben ihr Sortiment der Zahlungskraft des jeweiligen Kiezes angepasst. Woran liegt das?

2657 Euro beträgt die durchschnittliche Kaufkraft je Haushalt im Postleitzahlbezirk 13355, Berlin-Wedding. Ebenfalls an der Gleimstraße, im benachbarten Prenzlauer Berg (10437) liegt diese um 348 Euro höher, zeigt der Wohnmarktreport 2019 der Dienstleistungsunternehmen Berlin Hyp und CBRE. Die Familien, die Haushalte im ehemaligen Westbezirk haben schlicht weniger Geld zur Verfügung.

Zwischen den Discountern Aldi Prenzlauer Berg und dem Lidl im Brunnenviertel liegen 880 Meter Luftlinie. Ein paar Minuten zu Fuß. Das Angebot ist ähnlich niedrigpreisig. Doch die zwei Discounter stehen in zwei Kontexten. Im Hintergrund der Discounter stehen – beinah klischeemäßig – Altbauten und Plattenbauten.

Links: Verzierter Altbau überragt den Aldi Prenzlauer Berg an der Schwedter Straße. Rechts: Hinter dem Lidl an der Rügener Straße erstrecken sich die Plattenbauten des Brunnenviertels.

Eine Annäherung?

Die beiden Viertel, welche die Gleimstraße verbindet, nähern sich in einer Hinsicht an: Die Angebotsmieten steigen. Während diese im Prenzlauer Berg aber von 2016 zu 2018 um 16,3 Prozent zugelegt haben, steigen sie auf der Wedding-Seite im selben Zeitraum viel stärker, um 22 Prozent. Eine Annäherung im negativen Sinne. Die Mieten im Prenzlauer Berg sind bereits auf einem höheren Niveau.

Bei der nächsten Demonstration gegen Mietensteigerung wird Per Spix wieder dabei sein. Damit auch andere das Glück haben, das er hatte: Ein Bekannter sei ausgezogen, dessen Wohnung er übernehmen konnte. So ist er aus Zufall von einem anderen Kiez im Wedding ins Brunnenviertel gekommen. „Die niedrige Miete war ein Argument für mich umzuziehen“, sagt Per Spix. Der Preis für die Zweizimmerwohnung sei vergleichbar mit dem für ein WG-Zimmer.