Abgehängt trotz Boom

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Berlin war einst die Hauptstadt der Arbeitslosen. Nach der Wende mussten vor allem im Ostteil der Stadt etliche Betriebe schließen. Doch seit einigen Jahren geht die Arbeitslosigkeit stark zurück. 30 Jahre nach dem Mauerfall ist die ehemalige Teilung der Stadt auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr sichtbar. Aber nicht alle profitieren von dieser Entwicklung.

Einer, der nicht vom Rückgang der Arbeitslosigkeit profitiert hat, ist Ronny. In der DDR geboren, hat der heute 54-jährige dort eine Maurer- und eine Bäckerlehre absolviert. Er verfügt also über zwei Berufsausbildungen. Trotzdem konnte er nach der Wende nicht richtig Fuß auf dem Berliner Arbeitsmarkt fassen und ist seit 19 Jahren arbeitslos. Vor eineinhalb Jahren hat ihm das Jobcenter eine Maßnahme im Franziskanerkloster in Pankow vermittelt. Dort ist er für die Kleiderkammer zuständig und verteilt gespendete Hosen, Hemden und Schuhe an Bedürftige. Über sein Leben als Langzeitarbeitsloser spricht er im Audio.

Mit dem Mauerfall brach auch das Wirtschaftsmodell der ehemaligen DDR zusammen. Staatliche Betriebe in Ost-Berlin, die einst tausende Mitarbeiter beschäftigten, mussten in kürzester Zeit ihre Pforten schließen. Viele dieser sogenannten Volkseigenen Betriebe (VEB) waren auf dem internationalen Markt nicht mehr konkurrenzfähig. Der Personalstock war aufgebläht und die Technologien veraltet.

Das 360-Grad-Bild zeigt die ehemaligen VEB Metallhütten und Halbzeugwerke in Oberschöneweide. An den Infopunkten spricht Professor Burda von der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt Universität in Berlin über die Umbrüche in der ehemaligen DDR.

Doch auch im ehemaligen Westteil der Stadt stieg die Arbeitslosigkeit zunächst stark an. Die einstige Enklave war bis zur Wiedervereinigung von Subventionen aus der Bundesrepublik abhängig. Dadurch sollten die Produktion und vor allem Arbeitsplätze in West-Berlin aufrechterhalten werden. Mit dem Mauerfall fielen diese weg und die Arbeitslosigkeit nahm zu.

Seit 2014 geht die Arbeitslosigkeit in Berlin aber kontinuierlich zurück. Im März 2019 lag die Arbeitslosenquote in der Hauptstadt auf dem niedrigsten Niveau seit 1991 und betrug 7,8 Prozent. Auffällig ist, dass vor allem die Langzeitarbeitslosigkeit in Berlin stark abgenommen hat. Der Rückgang ist bisweilen um ein Vielfaches höher, als in einigen westdeutschen Bundesländern, zum Beispiel Bremen.

Bereits 2016 gab es kaum noch Unterschiede zwischen den Berliner Ost- und Westbezirken in Bezug auf die Arbeitslosenquote. Im ehemaligen Westteil der Stadt lag die Arbeitslosenquote sogar über der des Ostteils, wie die folgende Grafik zeigt.

Wer in Berlin Arbeitslosengeld empfängt, lebt unter der Armutsschwelle

Mit durchschnittlich 916 Euro, die eine alleinstehende Hartz IV-Empfängerin oder ein Hartz IV-Empfänger in einem Single-Haushalt in Berlin zur Verfügung hat (inklusive Übernahme der Mietkosten), bewegt sie oder er sich unter der Armutsschwelle: Arbeitslose haben weniger als 50% des durchschnittlichen Nettohaushaltseinkommen zur Verfügung. Dieses liegt bei 2.025 Euro.

„Langzeitarbeitslose sind vom normalen Leben abgeschnitten, denn sie können nicht am normalen gesellschaftlichen Konsum teilnehmen“, sagt Bernd Backhaus, Leiter der Suppenküche im Franziskaner Kloster in Pankow. Die Suppenküche befindet sich direkt an der ehemaligen Grenze, die Ost- und Westberlin geteilt hat. Sie entstand direkt nach dem Mauerfall, als viele Ostberliner aus wirtschaftlicher Not unter Hunger litten. Auch heute noch kommen viele Wendeverlierer in die Suppenküche, um eine warme kostenlose Mahlzeit zu essen.

Doch 30 Jahre nach dem Mauerfall sind die Unterschiede zwischen West- und Ostberlin längst nicht mehr so groß. Vor allem die Langzeitarbeitslosigkeit hat in den vergangenen Jahren abgenommen – das macht sich auch in der Suppenküche in Pankow bemerkbar. Bernd Backhaus führt eine Statistik über abgewaschene Suppenschalen. Diese weist in den letzten Jahren einen leichten Rückgang auf: Während die ehrenamtlichen Mitarbeiter 2015 im Schnitt 244 Suppenschüsseln spülten, waren es 2016 nur noch 237 und im vergangenen Jahr 224.

Wo früher Fabriken standen, ensteht jetzt Wohnraum

Seit den 2000er durchläuft die Hauptstadt einen Strukturwandel. Vor allem die Bau– und Tourismusbranchen boomen. Neue Hotels und schicke Wohnanlagen entstehen in der ganzen Stadt. Dort wo früher marode Fabrikhallen standen, ist in den vergangenen Jahren neuer, häufig teurer Wohnraum entstanden. So auch im Südosten Berlins, auf dem Areal des ehemaligen VEB Fotochemische Werke Köpenick. Hier haben vor der Wende mehr als 1200 Menschen gearbeitet.

Studium ist keine Jobgarantie

Wer in Berlin zurzeit auf Jobsuche ist, hat es vor allem in der Baubranche leicht. Handwerker und ähnliche Facharbeiter sind gefragt. In vielen akademischen Berufen ist die Suche nach einem Arbeitsplatz deutlich komplizierter.

Kompliziert ist es auch für Johannes (Name v. d. Redaktion geändert). Er hat vor über einem Jahr sein Masterstudium abgeschlossen, seither sucht er eine Arbeit. Mehr als 70 Bewerbungen hat der Kulturwissenschaftler geschrieben. Von seinen Erfahrungen berichtet er im Audio.

Akademiker sind in Berlin fast doppelt häufig arbeitslos wie im restlichen Bundesgebiet. Das liege auch daran, dass die Hauptstadt bei Akademikern besonders beliebt ist, sagt Professor Burda von der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt Universität in Berlin. Sie bevorzugten Großstädte, da sie dort für sich bessere persönliche und berufliche Entfaltungschancen sehen.

Arbeitslosigkeit in Berlin betrifft Menschen mit unterschiedlichen Biografien, wie die Geschichten von Ronny und Johannes zeigen. Akademiker und Wendeverlierer – vor dem Jobcenter sind sie alle gleich.